Was oder wer ist ein Christ? Darf er z.B. lügen?
Zu meiner Verwunderung bin ich schon öfter hier im Forum auf die Frage nach dem "richtigen Christen" gestoßen.
Und dann kann man hier Definitionen lesen und eine Fülle von Bibelstellen. Nicht, dass die Bibelstellen falsch wären, aber es gibt doch einen aus meiner Sicht wichtigen Aspekt, den ich hier bislang vermisse.
Ich will diesen Aspekt anhand einer kleinen Erzählung eines Erlebnisses erläutern:
Meine Tochter kam mit 8 Jahren aus der Schule und zeigte mir voller Stolz ihr Aufsatzheft mit der Note 2 unter ihrem letzten Aufsatz. Ich lobte sie und unterschrieb den Aufsatz und die Benotung wie vorgesehen.
Dann blätterte ich einige Seiten zurück und sah einen Aufsatz mit der Note 5. Auch hier gab es eine Unterschrift - nur eben nicht meine und nicht die meiner Frau. Meine Tochter hatte die Unterschrift gefälscht. Ich konfrontierte sie mit meiner Erkenntnis und frug nach dem Warum. Sie antwortete:"ich hatte Angst, dass mit mir geschimpft wird."
Daraufhin sagte ich ihr: "ich habe Dich immer lieb, egal mit welcher Note Du nach Hause kommst. Du kannst mit jeder Note zu mir kommen. Ich werde Dich immer lieben, auch wenn es eine 6 ist. Liebe hat mit Noten nichts zu tun."
Und dann frug ich sie: "Wie gefällt Dir denn die Note 5?" Sie meinte, dass ihr eine 5 nicht gefällt. Und dann frug ich sie: "Und was willst Du dagegen tun?" Sie antwortete: "lernen". Und da sagte ich zu ihr: "OK, und wenn Du mal Hilfe brauchst, dann komm zu mir und ich helfe Dir, eine bessere Note zu bekommen."
Die von mir gestellte Ausgangsfrage ist also so nicht ganz korrekt. Die Frage nach dem Sein vermittelt den Eindruck, dass es sich um eine Momentaufnahme handelt. Dieses "ich bin" oder "Du bist" verführt zum Schubladendenken. Der Mensch wird analysiert, bewertet und dann in eine Schublade gesteckt: "Du bist ...." oder "Du bist kein …..".
Diese Art zu Denken kommt aus der griechischen Welt. Im Hebräischen liegt n.m.K. ein anderes Denken vor. Wenn dort ein Mensch (oder Gott) beschrieben wird, dann wird erzählt, was der Mensch (oder Gott) dachte und tat. Es kommt mir so vor, als ob ein Film gedreht wird und nicht nur - wie im griechischen Denken - ein Foto (eine Momentaufnahme) gemacht wird.
Dieses hebräische Denken zeigt auf, dass sich der Mensch entwickelt, zumindest entwickeln kann. Heute ist er anders, als er gestern war und morgen wird er anders sein, als er heute ist.
Das kann ich gut mit dem Verbot Jesu verbinden, den anderen einen Dummkopf zu nennen. Denn vielleicht weiß der Andere morgen mehr als heute, vielleicht sogar mehr als ich.
Schubladendenken blockiert und erschwert das Wachstum, die Entwicklung des Menschen. Liebe jedoch fördert das Wachstum und die gesunde Entwicklung. So denke und lebe ich jedenfalls.
# Was aber siehst du den Splitter, der in deines Bruders Auge ist, den Balken aber in deinem Auge nimmst du nicht wahr? [..] Gebt nicht das Heilige den Hunden; werft auch nicht eure Perlen vor die Schweine, damit sie diese nicht etwa mit ihren Füßen zertreten und sich umwenden und euch zerreißen!
# Wer bist du, der du den Hausknecht eines anderen richtest? Er steht oder fällt dem eigenen Herrn. [..] Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder auch du, was verachtest du deinen Bruder? Denn wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. (Röm 14)