Ist Gott autoritär oder einfühlsam?
Ist Gott autoritär oder einfühlsam?
Heute Nacht träumte ich: Ich sage einem jungen Mann, er solle in genauer Reihenfolge erst dies, dann das und schließlich noch etwas Drittes tun. Da kommt von der Seite her eine Stimme: „Lass ihn das doch selbst herausfinden!“ Und ich frage mich aufgeschreckt: Will mir der Traum sagen, dass ich autoritär bin?
Autoritär sein ist etwas anderes als Autorität haben. Deshalb zunächst: Wann hat ein Mensch Autorität? Er hat sie dann, wenn er erstens viel Erfahrung, Wissen und Durchblick hat. Und wenn er zweitens dieses Potenzial in angemessener und einfühlsamer Weise zu nutzen weiß.
Autoritär ist dagegen ein Mensch, der viel Potenzial zu haben glaubt, aber oft nicht wirklich hat. Und der trotz seiner Begrenztheit anderen ziemlich rücksichtslos Denk- und Verhaltensvorschriften macht.
So gesehen hat Gott Autorität, aber er ist nicht autoritär. Denn er hat unendliches Potenzial. Und er geht damit zugleich einfühlsam um.
Dabei ist anzumerken: Es gibt zwei Arten von Einfühlsamkeit. Die liebende Einfühlsamkeit, wie sie Gott hat, will anderen gut tun. Und sie lässt so viel Freiheit, wie die Betroffenen im Moment brauchen. Die egozentrische Einfühlsamkeit dagegen dient vor allem dem Eigeninteresse und versucht, andere Menschen zu manipulieren und auszunutzen.
Wie steht es nun also: Bin ich autoritär? Lasse ich engstirnig anderen zu wenig Freiheit? Oder will ich sie egoistisch auszunutzen? Gelegentlich frage ich mich das schon ernsthaft.
Da fällt mir eine junge Frau ein, die mich bereits länger kennt. Ihr autoritärer Vater hat ihr übel mitgespielt. Neulich sagte sie ein zweites Mal, ich sei charismatisch. Ich war heftig irritiert: Was meint sie damit? Kann ich etwa mitreißend reden? Nein. Vielmehr schweige ich viel. Oder habe ich sonst eine besondere Ausstrahlung? Doch auch nicht.
Jetzt denke ich: Die junge Frau meinte wohl, dass ich für sie in angenehmer Weise zurückhaltend und zugleich wohlwollend sei - also das Gegenteil von ihrem autoritären Vater. Und bei mir könne sie in besonderem Maße der Mensch sein, der sie tatsächlich ist oder gern sein möchte. Wenn ich das nun so sehe – ja, dann bin ich doch wirklich nicht autoritär.
Und Gott? Der erdrückt uns erst recht nicht mit Allwissenheit, Allgegenwärtigkeit und Allmacht. Er dimmt sich selbst unglaublich runter. Und auch seine Anweisungen und Gesetze will er nicht engstirnig verstanden und autoritär genutzt sehen.
Seine Anweisungen sind nur Verhaltensvorschläge, an denen wir uns in aller Freiheit orientieren können. Wir dürfen sie selbstverantwortlich in geeigneter Weise auslegen und ausfüllen.
Geht dabei etwas schief – und das passiert häufiger -, dann ist Gott ungeheuer einfühlsam. Er versteht unsere Beweggründe und unser Verhalten bis in die tiefsten Tiefen. Und deshalb ist er dann nur allzugern mit völliger Vergebung zur Stelle.
Bei Gott können wir so – in aller Freiheit - immer mehr der Mensch werden, auf den hin wir angelegt sind.
auf den hin wir angelegt sind.
Es gibt ein schönes Zitat von Dostojewski dazu:
" Einen Menschen lieben heißt:Ihn so sehen wie Gott ihn gemeint hat und dazu helfen,daß
er sich zu diesem entwickelt."
Gott liebt uns - das setzt uns frei.
Er ging so weit,daß er sich selbst dafür opferte.
Mehr geht nicht.